Montag, 16. März 2009

4.5 Ende des Allphasenbruttosystems

Der Übergang zur »Nettokalkulation stellt ganz erhebliche Anforderungen an die Wirtschaft, zumal derzeit die Unternehmer nur ihre eigene, an das Finanzamt abzuführende Umsatzsteuer kennen, dagegen die in den Waren- und Leistungsbezügen enthaltene Umsatzsteuer, die Vorbelastung, die auch beim Allphasenbruttosystem vorhanden ist, nicht kennen. Es wird Aufgabe jedes Unternehmers sein, schon jetzt vor Inkrafttreten des Mehrwertsteuergesetzes, durch eindringliche Verhandlungen mit seinen Zulieferern diesen künftigen Nettopreis zu finden«, heißt es in einer der vielen Schriften über die »Einführung der Mehrwertsteuer«, die damals auf den Markt kamen.[1]
Angst vor Europa zog mit dem 1. Januar 1968 in die deutsche Wirtschaft ein. Denn mit dem neuen System fiel auch die Ausgleichssteuer weg, mit der Importe belastet waren: »Jeder Unternehmer, der zu einem Nettopreis, der noch Allphasenbruttoumsatzsteuer enthält, anbietet, ist gegenüber den Importwaren benachteiligt und fördert damit den Import anstatt seine eigenen Umsätze«, war in einer »Einführung« zu lesen.[2]

[1] Dr. Hermann Schropp, Arthur Krumm: „Einführung in die Mehrwertsteuer“, 9/1967, Stuttgart
[2] Dr. Hermann Schropp, Arthur Krumm: „Einführung in die Mehrwertsteuer“, 9/1967, Stuttgart

4.6 Steuer mit Voranmeldung

Die nächste Neuerung war die Umsatzsteuer-Voranmeldung, die im ersten Quartal 1968 abgegeben werden musste. Deshalb empfahl es sich, bis Ende 1967 »Forderungen sofort zu erfassen und am 10. Januar 1968 mit der Dezember-Voranmeldung des Jahres 1967 zu versteuern. «[1] All das war verwirrend und ungewohnt. Es sorgte dafür, dass die Unternehmen vor allem auf die Hilfe des steuerberatenden Berufs hofften.
Die Geschäftsführungen der Klein- und Mittelbetriebe kamen damals mit dem neuen System nicht klar und hatten deshalb auf die Hilfe der Steuerberater und Steuerbevollmächtigten gesetzt. »Die Wirtschaft hätte ohne die Hilfe des steuerberatenden Berufs die Umstellung auf die Mehrwertsteuer niemals so reibungslos geschafft«, meint Walter Ludwig Eckert, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DATEV, die wiederum den Steuerberatern mit dem Computereinsatz helfen sollte, das neue Mengengeschäft, das da auf sie zukam, ordentlich und schnell abzuwickeln. Hinzu kam die Einführung der 40-Stunden-Woche in den sechziger Jahren.

[1] Die Mehrwertsteuer, Einführung in das neue Umsatzsteuersystem mit praktischen Beispielen, Herausgegeben vom Präsidium des Bundes der Steuerzahler, August 1967, Bad Wörishofen

4.8 Buchungszeile für 6,5 Pfennig

Und morgen? Sollte da nur noch der produzieren können, der Computer hatte? Waren sie der Produktionsfaktor der Zukunft? Seit Mitte der sechziger Jahre hatte sich der Vormarsch der neuen Technologien auf breiter Front angekündigt. Doch leisten konnte sich die Elektronische Datenverarbeitung, die EDV, nur, wer groß und kapitalstark war. Der Rest war auf Service-Rechenzentren angewiesen.
An deren Dienste dachte auch die DATEV, als sie am 26. Februar 1966, zwölf Tage nach ihrer offiziellen Gründung, in der Dahlmannstraße 7 ihren Betrieb aufnahm. Der Nürnberger Steuerbevollmächtigte Joachim Mattheus hatte seine Kanzlei als erste Adresse zur Verfügung gestellt. Die kleine Genossenschaft wurde Kunde des IBM Service-Rechenzentrums in Nürnberg. 6,5 Pfennig pro Buchungszeile hatten sie vereinbart. Zu diesem Basispreis verarbeitete IBM für die 65 Gründungsmitglieder Lochkarten und Lochstreifen zu Journalen, Konten sowie Summen- und Saldenlisten.
So war die Situation in den Anfangstagen der DATEV. Es war nur ein kleiner Auftrag für den Computergiganten, doch ein großer Schritt für den steuerberatenden Beruf. Er führte geradewegs in eine für freie Berufe bislang undenkbare Form der Rationalisierung der Berufsarbeit.

4.7 Gastarbeiter: Die erste Million

Nachdem ab 1962 die Wochenarbeitszeit kontinuierlich gesenkt worden war, hatte sich seit dem 1. Oktober 1965 die 40-Stunden-Woche in immer mehr Tarifverträgen durchgesetzt. Das stärkte noch mehr den Wunsch der Betriebe, mit der Buchführung denjenigen zu betrauen, der ohnehin die Zahlen des Unternehmens am besten kannte. Arbeitskräfte waren rar in den sechziger Jahren. 1960 hatte die Bundesregierung damit begonnen, sich verstärkt um ausländische Arbeitnehmer zu bemühen. Aus den 100.000 »Gastarbeitern«, die die Industrie rief, waren am 10. September 1964 mit dem Portugiesen Armando Rodrigues eine Million geworden. Und der Zustrom von Italienern, Spaniern, Jugoslawen und Türken ging weiter. 1973 sollten 2,6 Millionen Nicht-Deutsche bei uns lebten. [1] Viele Betriebe hätten ohne deren Hilfe ihre Arbeit einstellen müssen. So rar waren damals Arbeitskräfte.
»Die Bahnhöfe unserer Großstädte sind bereits wahre Jahrmärkte der Nationen«, schrieb im April 1966 der renommierte Wirtschaftspublizist Jürgen Eick in der »Frankfurter Allgemeinen Zeitung«. Und weiter: »Nach dem Krieg konnte produzieren, wer Rohstoffe hatte. Nach der Währungsreform konnte produzieren, wer Kapital hatte. Heute kann produzieren, wer Arbeitskräfte hat. «[2]

[1] Zeitmagazin, 26.5.89: „Vom Willkommensgruß zur Abschiebehaft: Die Deutschen und die Fremden“
[2] Jürgen Eick, Als noch Milch und Honig flossen“, Stuttgart, 1982

4.9 Die Dialektik der DATEV

»Ja, ich glaube sogar, dass die wirklich großen Gedanken auch heute noch zunächst privat entwickelt werden müssen, weil selbst für die besten Gedanken auch in unserer Zeit niemand Geld geben wird«. Diese tiefe Lebensweisheit des deutschen Computerpioniers Professor Dr.-Ing. E.h. Konrad Zuse, der abgeschnitten von der ganzen Welt in den dreißiger und vierziger Jahren die Rechnerentwicklung vorwärts getrieben hat, gilt auch für die Vorgeschichte der DATEV.[1]
So wie Zuse die bekannten Elementarideen, Erfindungen und Errungenschaften der Mechanik und der Mathematik zur ersten Rechenmaschine mit Speicherwerk zusammenfügte, so steht eigentlich auch hinter der DATEV-Gründung nichts anderes als die innovative und intelligente Verknüpfung von zwei sehr heterogenen Faktoren zu einer grandiosen Synthese:
Individuelles Können. Da war der etablierte und spezialisierte Berufsstands der Steuerberater und Steuerbevollmächtigten, in dem die meisten Mitglieder bis heute kleine Selbständige sind und deren individuelle Dienst-Leistungen »auf Wissen und Können beruhen, die ihrer Natur nach nicht entreißbar oder abpressbar sind«, wie Professor Dr. Werner Ross die Freien Berufe definiert.[2]Massenproduktion. Da war die für die Wirtschaft neuartige und kapitalintensive Computertechnologie, deren damalige Stärke die Massenverarbeitung von immateriellen Produkten, den Daten, war und deren »Auswirkungen um ein Vielfaches größer sein (wird) als die des Automobils«, wie die Computerexperten James Martin und Adrian R.D. Norman 1970 in ihrem Buch »Halbgott Computer« behaupteten.[3]

[1] Die Computer Zeitung, 14.10.70: „Konrad Zuse: In Amerika wäre ich längst Multi-Millionär“
[2] Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13.11.84, Professor Dr. Werner Ross: „Ehre, Würde und die Butter auf dem Brot“
[3] James Martin, Adrian R.D.Norman, München 1972: „Halbgott Computer“ (ISBN 3-405-11168-4), zuerst erschienen 1970 unter dem Titel: „The computerized society“